Kategorien
Aktuelles W.-G.-Sebald-Literaturpreis

»Schnapstage«

Mit dem Romanauszug »Schnapstage« gewann Lena Schätte den W.-G.-Sebald-Literaturpreis 2024.

Schnapstage

(Romanauszug)

Meine Mutter bringt uns Töchtern Dinge bei. Andere Dinge, als mit geradem Rücken am Esstisch zu sitzen, als Danke und Bitte zu sagen, andere Dinge, als ihrem Sohn. Sie bringt uns bei, dass Schnaps Ärger bedeutet. Dass Männer, die Bier trinken harmlos sind, sie tanzen und lallen und plaudern private Dinge aus, doch schließlich lassen sie sich ins Bett schubsen und schlafen friedlich ihren Rausch aus. Männer, die Schnaps trinken hingegen, werden aggressiv, suchen Streit, werden von der Polizei nach Hause gebracht oder kommen gar nicht erst heim. Da passiert irgendwas im Kopf, erklärt sie uns oft und tippt sich dabei mit dem Zeigefinger an die Schläfe. Und sie bringt uns bei, dass alles in Ordnung ist, solange sie nur am Wochenende trinken. Nur wer wochentags trinkt, ist süchtig. Und sie bringt uns bei, dass eine Frau immer Fluchtgeld haben muss. Hinter einer lockeren Kachel in der Waschküche, in einem alten Winterstiefel im Ankleidezimmer oder in einer Tupperbox im Gefrierfach, auf deren Aufkleber Linsensuppe steht. Genug, um jederzeit die Kinder aus dem Bett holen und verschwinden zu können. Manchmal habe ich Angst, sie würde mich vielleicht vergessen, mich nicht mitnehmen, dann gehe ich mit Jacke und Schuhen ins Bett.

Wenn mein Freund nachts nach Hause kommt, nach Lagerfeuer und Alkohol riecht, sich zu mir auf die Matratze legt, sein Atem sich im Raum ausdehnt, dieser Geruch, dann denke ich an meinen Vater.

Wir haben Zahnbürsten und Schlafsachen beieinander. Wir fischen die Post des anderen aus dem Briefkasten und reißen sie auf. Wir kramen im Kühlschrank des anderen nach etwas Essbarem, doch wir wohnen nicht zusammen. Das hat nicht funktioniert.
Und wenn er dann den Sonntag verschläft, sauge ich laut Staub, drehe das Radio auf, poltere in der Wohnung herum, lache laut, wenn er mich fragt, ob ich ihm einen Kaffee mache. Tue alles, um nicht zu sein wie meine Mutter.
Und mein Freund hat sich geschämt. Wenn eine Frau zu viel trinkt ist das was anderes.

Als ich beginne zu trinken, trinke ich keinen Schnaps. Ich trinke buntes, süßes Zeug. Ich sage Dinge, die ich nüchtern niemals sagen würde und die sich nicht mehr zurücknehmen lassen. Ich sage meiner Schwester, dass ich mich lieber aufhängen würde, als ihr spießiges Scheißleben zu führen. Ich sage meinem Nachbarn, dass ich schon immer heimlich verliebt in ihn war und dass ich seiner Freundin die Umzugskartons raustrage, wenn er endlich Schluss mit ihr machte. Ich sitze weinend in der Taxizentrale, die Telefonistin legt mir eine Wolldecke um die Schultern und kocht mir einen Kaffee. Ich schlafe im Hausflur, weil ich mit dem Schlüssel nicht mehr das Schloss treffe. Ich wache auf, die Kleidung voller Erbrochenem, blaue Flecken und Kratzer, deren Herkunft ich nicht kenne.
Ich verliere meine Sachen, hole meine Handtaschen an Nachmittagen bei Kneipenwirten ab, die sie beim Putzen wiederfinden. Im Tageslicht sehen sie mich mitleidig an, und ich lasse als Dank ein wenig Trinkgeld da.
Ich lasse fremde Hände auf meinem Körper zu und berühre.
Ich schaffe es montags nicht mehr zur Arbeit, lasse dafür Großmütter sterben, erfinde Magendarminfekte, und meine Chefin murmelt Gute Besserung. Meine Freunde fragen mich nicht mehr, ob ich mitkommen will, wenn sie zusammen ausgehen.

Zu meinem Geburtstag plant Mama eine Übernachtungsparty mit meinen besten Freundinnen. Im Kinderzimmer legen wir die Matratzen auf dem Boden eng nebeneinander, trinken Kinderpunsch durch Plastikstrohhalme und schlafen irgendwann ein, ein großes schnarchendes Kinderknäuel. In der Nacht werde ich von Maries spitzem Schrei geweckt. Sie steht in der Badezimmertür, und mein Vater liegt vor der Badewanne und schläft. Ich rüttele an ihm, kneife fest in seinen Oberarm, steh auf Papa, hier kannst du nicht schlafen, doch er rührt sich nicht.
Ich wecke meine Mutter, sie schafft es, ihn zu wecken, nimmt ihn mit ins Schlafzimmer, zischt ihn durch zusammengepresste Zähne an. Marie geht auf die Toilette und legt sich danach wieder schlafen.
Am Montag darauf ist wieder Schule. Marie erzählt niemandem davon. Ich sage ihr nie, wie dankbar ich ihr dafür bin. Stattdessen schlage ich mich den Rest der Schulzeit für sie.

Wir fahren in den Urlaub. Meine Eltern holen meinen Bruder und mich von der Grundschule ab, den Kofferraum voller Taschen, das Muster meiner Weltraumbettwäsche an die Innenseite der Heckscheibe gepresst. Meine Schwester fährt schon selbst Auto, mit ihrem Freund sitzt sie im roten Fiat hinter uns. Auf der Autobahn winken wir uns zu und schneiden Grimassen. Meine Mutter legt die Hand auf das Knie meines Vaters. Wir halten an einer Raststätte, er sagt, er müsse auf die Toilette. Bleibt lange weg, wir spielen auf dem Rasenstreifen fangen, ich trete in einen Hundehaufen.
Von hier fährt meine Mutter weiter, mein Vater sitzt still auf dem Beifahrersitz, mit schiefen Augenbrauen. Mein Bruder schläft ein, das Gesicht auf meinem Schoß, ein, der Speichel aus seinem Mundwinkel hinterlässt einen dunklen Fleck auf meiner hellen Jeans. Meine Mutter dreht sich nach hinten, drückt mir die Kopfhörer noch ein bisschen fester auf die Kinderohren, dreht das Rädchen an meinem Discman, bis Bibi Blocksberg so laut ist, dass ich nur noch sie höre. Es ist die Folge in der Bibi alleine zu Hause ist, einen Elefanten ins Wohnzimmer hext, der das Mobiliar zertrümmert, und Barbara Blockbergs kommt heim und schimpft mit ihr. Wenn du so zu mir bist, habe ich immer das Gefühl, du hast mich gar nicht mehr lieb, meint Bibi. Ach, ich hab dich doch immer lieb, sagt die Mutter. Dann hexen sie den Elefanten gemeinsam zurück in den Zoo, meine Mutter fängt an zu weinen und schlägt auf das Lenkrad.
Als wir an der Ferienwohnung ankommen, ist es schon dunkel draußen. Mein Vater steckt uns ins Bett, ich trage noch meine Jeans, als er mir die Decke über die Knie legt. Sein Atem riecht scharf, sein Kuss ist nass und schwabbelig auf meiner Stirn. Wenn du so bist, hab ich das Gefühl, du hast uns gar nicht mehr lieb, sage ich, doch da ist er schon weg, zieht die Zimmertür mit einem Ruck ins Schloss.

Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, am späten Nachmittag, riecht er nach Schweiß und Maschinenöl. Eine Stunde lang dürfen wir Kinder ihn nicht ansprechen. Papazeit, nennt Mama das und drückt sich zischend den Zeigefinger auf den Mund. Ich beobachte ihn, wie er allein auf dem Balkon sitzt, ein paar Zigaretten raucht, ein erstes Bier trinkt und in die Nachbarschaft starrt.

Dann geht er ins Badezimmer, und ich höre dieses Geräusch, bis in mein Kinderzimmer; wie er sich mit der Nagelbürste die Hände abschrubbt, mit festen Strichen, unter dem laufenden Wasserhahn. Danach liegt die Bürste mit verbogenen Borsten in einer grauen Pfütze aus Seife auf dem Waschbeckenrand. Wenn wir anschließend zusammen essen, ist es still am Tisch. Droht eines von uns Kindern mit allem herauszuplatzen, was wir erlebt haben, wer uns geschubst und wer uns auf den Mund geküsst hat, wirft meine Mutter uns diese Blicke zu. So starre ich auf seine Hände, während er isst. Montags grau, über die Woche immer dunkler. An Freitagen ist das Schwarz in jede Furche seiner Hornhaut gekrochen, das spröde Nagelbett tiefrot. Nur im Urlaub werden sie sauber.

Ein paar Mal frage ich Mama, was er da macht, wo er jeden Tag hingeht. Na arbeiten, meint sie und hackt Zwiebeln auf einem Brett in der Küche. Mit Maschinen. Ob er nicht lieber zu Hause bei uns bleiben wolle, frage ich. Wenn er das nicht machen würde, hätten wir nichts. Nicht dieses Haus, nicht deinen Fruchtzwerg im Kühlschrank, nicht deine Ringelsöckchen, nix. Und dann schubst sie die Zwiebeln vom Brett in den Topf und lächelt matt. Das Leben is‘ Maloche.

An diesem Tag im sechsten Schuljahr, an dem Väter ihre Töchter mit zur Arbeit nehmen, weckt er mich mitten in der Nacht. Als wir zur Firma fahren, sind die Straßen leer, nur eine Frau im Bademantel geht mit einem kleinen, hässlichen Hund am Fluss spazieren. In der Halle der Firma ist es dunkel, nur ein paar flackernde Leuchtröhren über unseren Köpfen, während eine Ratte vor uns davon rennt, ihre Krallen auf dem Beton kratzen. Wenn der Fluss zu voll ist, steht das Wasser bis in die Halle, erklärt mein Vater, während ich über die Pfützen springe.

Auf der Innenseite seiner Spindtür hängt das Bild einer nackten Frau. Er gibt mir schwere Schuhe, mit Stahlkappen auf meinen Zehen. Den ganzen Tag sehe ich ihm zu, den Geschmack von heißem, zerriebenem Metall im Mund.
In der Pause sitzen wir draußen, seine Kollegen unterhalten sich laut, ihre Brotdosen auf den Knien. Ich sitze dicht neben ihm, während wir unsere Käsebrote kauen.
Als wir nach Hause fahren, krieche ich an einer Ampel über die Handbremse hinweg zu ihm hinüber und umarme ihn. Ich schluchze eine Rotphase lang, kann nicht erklären, warum, bei Grün fahren wir nach Hause. Schrubben uns nebeneinander im Bad die Hände sauber und ziehen die dreckigen Hosen von unseren müden Knien.

Er hört irgendwann auf zu arbeiten, weil er sonntags keine Pausen mehr macht und montags nicht mehr nüchtern ist und weil die auf der Arbeit das merken und Angst haben, dass er sich eine Hand absägt oder sich die Finger klemmt oder das sonst etwas Schlimmes passiert. Also setzen sie ihn ins Büro, doch da will er nicht sein und geht irgendwann nicht mehr hin. Und dann verlieren wir das Haus, ziehen in eine Wohnung, in der die Wände ganz dünn sind und ich alles hören kann. Mein Bruder und ich teilen uns ein Bett, schlafen dicht an dicht, stecken zum Lesen die Köpfe unter die Decke, er hält die Taschenlampe, ich halte das Buch. Er liest besser als ich, ganz flüssig, während ich noch die Silben zusammenziehe, trotzdem will er immer, dass ich vorlese.
Das Schwarz an den Händen meines Vaters verschwindet. Doch noch immer spricht niemand beim Essen und keiner erzählt, wen er geschubst oder wen er geküsst hat. Es gibt oft Nudeln mit Zucker und Dosenpflaumen. Mein Bruder liebt das, das ist wie Nachtisch zu Mittag. Ich starre nur auf Papas alte, durchäderte Hände, während er kaut.
Noch ein paar Jahre sitze ich ihm beim Mittagessen gegenüber, bis ich selbst einen Esstisch kaufe und Geschirr und Besteck, für mehr Personen, als ich kenne. Einen Tisch, an dem ich nie esse, stattdessen steht mein Teller im Büro zwischen den herumliegenden Unterlagen oder neben dem Bett, manchmal tagelang, bis sich ein grüner Flaum auf dem Essen bildet.

Mein Freund bekommt an der Supermarktkasse einen dieser Familienkalender geschenkt und hängt ihn in meine Küche. Er ist bunt und fröhlich und hat dutzende Spalten und Zeilen, für die Termine dutzender Kinder, doch wir sind zu zweit. Und so schreibe ich über eine Zeile Bier, über die andere Schnaps. Wenn einer von uns getrunken hat, mache ich ein Kreuz in das Feld des jeweiligen Tages, und am Ende des Monats rechne ich die Tage zusammen.

Papa erzählt mir, dass er früh sterben wird. Er fängt damit an, als ich im Kindergarten bin. Lege ich ihm meine Puppe in die Arme, weil ich will, dass wir so tun, als sei das mein Baby und er nun der Großvater, schüttelt er den Kopf. So alt werde ich nicht, sagt er und gibt mir das Kind zurück, am Bein gepackt, wie ein Stück Plastik.
Ich soll schnell heiraten, damit er das noch miterlebt, sagt er, als ich ein Teenager bin. Manchmal lacht er, wenn er das sagt. Manchmal ist er ganz ernst. Und ich denke, dass man sich das doch nicht aussuchen kann, wann man stirbt. Dass das Gott entscheidet, oder das Universum, oder irgendwer.

Die Männer in unserer Familie werden nicht alt, sagt meine Oma  manchmal zu mir. Die Frauen sind zäh, die kriegen Kinder und stillen und malochen und begraben ihre Männer und kriegen Krebs und werden wieder gesund. Du wirst uralt, Kind.

Als mein Vater noch ein Kind ist, arbeitet meine Oma tagsüber in der Fabrik. Sie ist abends erschöpft, legt die Jungs früh ins Bett und geht schlafen. Mein Opa gibt ihr einen Gutenachtkuss, bleibt noch im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen. Auf den Fotos im grünen Album ist er schön, immer im Anzug, mit braunen ernsten Augen. Er wartet, bis sie eingeschlafen ist, lässt den Fernseher laufen, zieht die Wohnungstür leise ins Schloss, den vollen Müllbeutel aus der Küche in der Hand, falls die Nachbarn ihn sehen. Er wirft ihn in die Tonne, guckt hoch, prüft alle Fenster, ob da jemand ist, dann geht er, den Trampelpfad durch den Wald. In einem Winter liegt besonders viel Schnee, dafür ist er nicht angezogen, die Hosenbeine sind nass und die Socken getränkt, als er in der Kneipe ankommt. Da ist er 37. Kitty wird die Kellnerin von allen genannt, er ist verliebt in sie, sitzt bis morgens an der Theke. Verspricht ihr, dass er seine Familie verlassen wird. Normalerweise sitzt er da, unterhält sich mit ihr bis 2 oder 3 Uhr, zwischendurch tut er so, als ginge er zur Toilette, dann treffen sich die beiden heimlich im Getränkelager. Dann geht er nach Hause, schläft im Sessel im Wohnzimmer, sagt, er sei dort weggenickt, wenn die Kinder aufwachen und ihm über die Beine klettern. Doch in dieser Nacht kann er nicht mehr richtig laufen. Lässt sein Jackett an einem Haken im Flur hängen, geht im Hemd hinaus. Hat so viel getrunken, dass alles im Weiß verschwimmt. Stürzt einen Abhang hinunter und bleibt in den Büschen liegen.

Papas Klassenkameraden finden ihn am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule. Sie klingeln an einer Haustür, und eine Frau im Bademantel kommt zu ihnen nach draußen und ruft die Polizei. Sie erzählen ihm später auf dem Pausenhof, wie sein Vater ausgesehen hat. Von den offenen Augen und den blauen Händen. Von dem steifen Körper und dem weißen Bart.
Das Jackett bleibt noch ein paar Jahre hängen. Kitty ritzt seinen Namen in die Holzvertäfelung. Manche Stammgäste trinken einen Schnaps, die Hand am Stoff. Andere sehen gar nicht hin oder wischen sich im Vorbeigehen die Hände ab. Kitty nimmt es hin und wieder mit nach Hause, wäscht den Zigarettenqualm heraus und hängt es wieder hin. Es bleibt dort, bis Papa ein Teenager ist. Er läuft betrunken nach einer Party hin, es ist Sommer, und seine nackten Arme sind warm. Er trinkt bei Kitty an der Theke ein Bier, sie ist inzwischen alt, erkennt ihn nicht. Als er geht, klaut er das Jackett, zieht es an, es passt ihm perfekt. Darin spaziert er durch die Straßen, bis es hell wird, stopft es dann irgendwo in einen Müllcontainer. Geht nach Hause zu seiner Mutter und frühstückt mit ihr. Legt ihr die Hand auf den Unterarm. Beschließt, nicht mehr über seinen Vater zu reden, nur wenn es wirklich sein muss. Und dass er ganz anders sein will.

Oma sagt, dass ich seine Augen habe und seine Ohren. Dass er ein schöner Mann war und dass ich auch schön bin. Aber du bist kein Feigling, so wie er.

Jeden Sommer ist Schützenfest und das Dorf wird von grünen Fähnchen und fleckigen Bierdeckeln geflutet. Meine Mutter lackiert ihre Fußnägel auf dem Badewannenrand, bindet meinem Vater die Krawatte. Sie lächeln sich an. Gut siehst du aus, sagen sie zueinander. Er zieht seine tannengrüne Uniformjacke über, noch Schweißränder vom letzten Jahr am Kragen. In der Schützenhalle tanzen sie gemeinsam Foxtrott, er legt die Hand an ihre Taille. Mein Bruder und ich spielen in den Nachbarstraßen, malen mit geklauter Kreide Herzen auf die

Fahrbahn oder trinken Reste aus herumstehenden Flaschen, bis uns warm wird. Bei den Festumzügen stehen wir am Straßenrand. Winken ihnen zu, wie sie marschieren. Die Frauen werfen uns Fruchtkaramellen zu, die wir mit schnellen Fingern vom Asphalt aufsammeln und in die Taschen stecken.
Wir wollen immer Kinderschützenkönig und Königin sein. Doch zusammen geht das nicht, weil wir Geschwister sind, und das Schießen liegt uns nicht.
So, wie wir es geübt haben!, zischt es vom Seitenrand, wenn ich an der Reihe bin.
Doch ich zucke beim Knall der sich lösenden Kugel jedes Mal so sehr, dass alle Erwachsenen schreckhaft zusammenfahren und ich am Pappvogel vorbei, durch den Zaun des Schützenplatzes, irgendwo ins Grün schieße.
Und auch mein Bruder schneidet kaum besser ab: Seine Schulter ist am Montag danach blau vom Rückschlag. Aber schließlich sucht ein Mädchen ihn aus und so fährt er in der kleinen weißen Kutsche durch das Dorf, und ich winke ihm vom Straßenrand aus zu.

Oft kommen am Abend noch alle mit zu uns nach Hause. Manche bringen Campingstühle mit, ein paar Frauen sitzen auf der Zeile in der Küche. Mein Bruder und ich spielen Kellner und Kellnerin, kippen den dickflüssigen Likör in kleine Pinnchen und verteilen ihn an die Leute. Manchmal nippen wir kurz, schütteln uns und lachen.
Einem Freund meines Vaters fehlt ein Daumen. Wir klettern unter den Küchentisch, ich soll suchen helfen. Immer passiert mir das, sagt er und tastet den Teppich ab. Ich lache. Wenn er schon wieder ohne nach Hause kommt, schimpft seine Frau. Dann musst du ihm deinen leihen, sagt Papa, der neben mir auf dem Teppich hockt, und zieht an meinem Kinderdaumen. Ich lache noch lauter.
Wenn dieses Schlagerlied kommt, mit meinem Namen, dann singen sie alle laut und zeigen mit dem Finger auf mich. Ich mag das.
Wir überreden Leute, mit in unser Kinderzimmer zu kommen, zeigen ihnen mein selbstgebautes Puppenhaus. Aufeinander gestapelte Schuhkartons, von innen mit Tapetenresten beklebt. Und mein Bruder zeigt seine Bücher, alle sortiert. Ein Regalbrett nur mit Piraten, eines mit Zauberern und Hexen, eines mit echten Menschen. Und sie sehen sich alles an, setzen sich kurz auf den Teppichboden. Einmal kippt ein Freund meines Vaters zur Seite, legt den Kopf auf den Teppich und schläft ein. Wir decken ihn zu mit unseren Oberbetten, und er schnarcht laut.

An Sonntagen gehen meine Eltern früh ins Bett. Meine Mutter wischt sich mit einem nassen Waschlappen das aufgemalte Gesicht weg, wäscht ihre dreckigen Füße in der Badewanne, schwarz vom barfuß tanzen auf den Dielen der Schützenhalle. Mein Vater liegt dann bereits im fleckigen weißen Hemd auf der Überdecke im Schlafzimmer und schnarcht.

Sie kaufen den Hund als Entschuldigung.
Als mein Vater schon lange nicht mehr in der Fabrik arbeitet, fängt mich die Vermieterin manchmal vor der Haustür ab. Sag deinen Eltern mal, die sollen mich zurückrufen. Und als für das Restaurant an der Autobahnauffahrt neue Pächter gesucht werden, ziehen wir dahin. Meine Eltern haben keine Ahnung von Gastronomie, aber meine Mutter sagt, sie koche schon ihr ganzes Leben für andere Leute. Vorher kaufen sie meinem Bruder und mir einen Hund, weil sie schon wissen, dass es scheiße werden wird. Dass die Wände in der Wohnung hinter dem Restaurant voller Schimmel sind.
Meine Mutter steht in der Küche. Ihre Hände sind bald voller Verbrennungen und Schnitte. Am Wochenende müssen mein Bruder und ich ihr helfen. Unsere Zimmer liegen direkt hinter der Küche, und sie klopft mit der Faust an die Wand, wenn wir kommen sollen. Mein Bruder bedient die große Kaffeemaschine, schneidet Kuchenstücke, legt Kekse auf Unterteller und streut Kakaopulver auf Milchschaumkronen. Ich schneide das Gemüse für die Vorspeisensalate und drapiere sie in kleinen Schälchen. Es muss schön aussehen, aber nicht so, als hätte man jede Scheibe Gurke einzeln betatscht, erklärt meine Mutter.
Der Geruch nach Frittenfett kriecht in unsere Haare und Kleider, über den Flur bis in unsere Zimmer. Meistens rieche ich ihn nicht, nur manchmal, wenn ich draußen unterwegs bin, merke ich es plötzlich, oder jemand spricht mich darauf an, und ich schäme mich. Ich gehe dann in eine öffentliche Toilette und übersprühe alles mit Deospray, doch das hilft nicht.
Wenn wir Ruhetag haben, spähen die Leute durch unsere Fenster ins Innere des Gastraumes, klopfen oder rütteln an der Tür.
Meine Mutter macht uns kein Frühstück mehr, denn sie ist erschöpft, und wir sind inzwischen alt genug und ihre Pfannkuchen schmecken ohnehin nicht mehr. Mein Vater steht an der Theke mit einem Spültuch über der Schulter. Er sitzt oft bei den Leuten am Tisch, manche kommen regelmäßig, um sich mit ihm zu unterhalten. LKW-Fahrer, Pendler und Leute aus dem Ort. Er trinkt mit ihnen, erzählt Geschichten. Die meisten sind erfunden.
Meine Schwester ist inzwischen längst ausgezogen, doch sie kommt sonntags und kellnert. Sie kann unendlich viele Teller tragen, auf den Unterarmen balanciert sie sie elegant von der Küchendurchreiche quer durch den Gastraum. Wenn sie danach in ihr Auto steigt und einfach nach Hause fährt, hasse ich sie dafür.
Der Hund ist aus dem Tierheim. Mittelgroß, fleckig, ein schöner Kopf mit einem Wirbel auf der Stirn, aber traurige Glubschaugen. Er bellt nie, und wir fragen uns, ob er es überhaupt kann. Zu Beginn ist er ruhig und gehorsam, doch mit der Zeit entwickelt er immer mehr Ticks. Jagt seinen eigenen Schwanz. Rennt weg und kommt dann mit einem toten Tier im Maul zurück, das Fell voller Blut. Schleicht sich nachts in die Großküche und klaut Lebensmittel, frisst ein wenig Verpackung mit und übergibt sich dann. Und immer will er nur bei meinem Vater sein, nie bei mir. Sitzt an seiner Seite. Der spricht ganz leise mit ihm. Als hätten sie ein Geheimnis vor uns. Mein Junge, nennt er ihn. Mein Hübscher.
Manchmal geht mein Vater betrunken mit ihm spazieren und kommt lange nicht wieder. Dann bekommt meine Mutter Angst und wir laufen mit Taschenlampen durch den Wald neben der Autobahn, bis wir ihn finden. Auf einer Parkbank schlafend oder im Gras liegend. Ich seh mir nur die Sterne an, sagt er dann.

Nach Weihnachten darf ihn nur eine Person pro Tag im Krankenhaus besuchen. Die Oberschwester der Station erkennt meinen Nachnamen an ihm und gibt ihm ein Einzelzimmer als Mitarbeiterbonus. Als Dank reinige ich ihre Station jeden

Morgen zuerst, wenn er auf meinem Dienstplan steht. Jeden Tag frage ich meine Mutter nach ihrem Besuch, was denn nun mit ihm sei, und sie weiß es nicht. Also rufe ich ihn jeden Tag auf seinem Patiententelefon an. Am ersten Tag sagt er mir, er habe nichts, sie würden nichts finden, könnten sich seine Beschwerden nicht erklären. Am zweiten sagt er, es könne ein leichter Herzinfarkt sein, sie seien sich noch nicht sicher, er komme bald wieder heim. Am dritten Tag besuche ich ihn, und er legt mir schweigend einen Arztbrief auf das Tischtablett. Die Zeilen sind lang, viele verschiedene Untersuchungen, Laborwerte, ich verstehe kein Wort. Ich gehe mit dem Brief hinunter ins Erdgeschoss, schließe mit meinem Arbeitsschlüssel die Sicherungstür zum Hinterhof auf und gehe ins Freie. Ein Arzt steht unter dem Plastikpavillon neben den Müllcontainern und raucht eine Zigarette. Wir sind die Einzigen, die immer hier rauchen, die anderen gehen vorne raus und unterhalten sich und reden durcheinander und lachen laut.
Sag mir, was das heißt, bitte. Ich drücke ihm den Brief in die Hände. Eine Weile schweigt er. Ein bisschen Asche fällt auf das Papier, und er pustet sie schnell weg.
Man, das sieht nicht gut aus. Das tut mir leid, sagt er dann.

Du musst mir eins versprechen, sagt mein Vater, als ich wieder an seinem Bett sitze. Die Tränen habe ich mir auf dem Weg nach oben weg gewischt, wir weinen nicht voreinander. Ihr müsst euch um den Hund kümmern, wenn ich tot bin. Ich müsst mir schwören, dass ihr ihn nicht weggebt!, sagt er.
Lass doch mal deinen scheiß Köter!
Nein, sagt er und packt mein Handgelenk, versprich es mir.

Ich rufe jeden Tag zu Hause an. Sage Hallo Papa, und er sagt Hallo Motte. Dass das kein schönes Tier ist, sage ich ihm oft. Und dann zähle ich ihm auf, wie andere Väter ihre Töchter nennen. Wir sind halt nicht wie die, sagt er dann und lacht. Dass ich schon als Baby nachts nicht schlafen wollte. Du hast uns irre gemacht.

Manchmal reden die anderen über ihn, als wäre er schon tot. Sie sagen, wie lustig er war und belegen das mit irgendeiner Geschichte, während er im Schlafzimmer benommen schläft von den Morphiumspritzen. Wie er auf dem Campingplatz am Lagerfeuer gefragt wurde, was er denn so beruflich mache, und er erzählte, er sei katholischer Pfarrer und meine Mutter seine Putzfrau. All die Kinder seien von ihm, doch das dürfe niemand wissen. Und wie es am nächsten Tag der ganze Campingplatz wusste und er sich diebisch darüber freute.
Und alle lachen, und ich lache mit, doch ich erinnere mich nicht. Ich komme in den Geschichten vor, ich war dabei, ich bin auf den Fotos, stehe daneben, doch ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich an jedes Enid-Blyton-Hörspiel zwischen 1986 und 2000. An jedes einzelne Wort, kann mitsprechen. Doch ich erinnere mich nicht an uns. Und wenn ich dann nach Hause fahre, versuche ich es ganz fest. Weiß nicht mehr, welche Erinnerung aus mir stammt, welche von den Fotos.
Du erinnerst doch dich an total viel. Viel mehr als ich, denke ich manchmal, sagt mein Bruder.
Aber nur an die schlechten Sachen, sage ich.

Als ich noch ein Kind bin, denke ich oft, ich habe zwei Väter. Den einen nüchternen, der schnell rennen kann und gute Verstecke kennt. Der auf alle Fragen eine Antwort weiß und wenn nicht, denkt er sich eine gute aus. Der mit mir einen Film sieht, den ich nicht verstehe, und in der Werbepause erklärt er mir dann alles. Und wenn meine Mutter dann sagt, dafür sei ich viel zu klein, sagt er Nein, quatsch, sie versteht das!, und ich nicke wild. Der mir seine Hand hinhält auf der Straße und ein bisschen beleidigt ist, wenn ich sie nicht nehme.

Und dann der andere Vater. Der sich darüber legt und ihn verschwinden lässt. Meine Mutter droht meinem Vater manchmal, ihn zu verlassen. Sie nimmt nicht das Wort Scheidung in den Mund, sie sagt nur, sie würde gehen. Ein paar Mal wirft sie Sachen in eine Reisetasche. Kleidung, Spielzeug, Bücher und unsere Zahnbürsten. Fährt mit meinem Bruder und mir zu ihrer Freundin, die nur ein paar Straßen weiter wohnt. Ihre Wohnung ist voller kleiner Porzellanfiguren, Pinguine und Hühner und Prinzessinnen, die wir nicht berühren dürfen. Mein Bruder und ich schlafen auf dem Klappsofa im Wohnzimmer. Als wir das erste Mal dort schlafen, bin ich gerade in die Schule gekommen. Wir liegen da und reden darüber, bei wem wir bleiben wollen, während Mama in der Küche mit ihrer Freundin flüstert.
Ich geh zu Mama, da ist das Essen besser. Bei Papa gibt’s jeden Tag nur tot gebratenes Spiegelei, sagt mein Bruder und lacht ein bisschen.
Ich auch, sage ich, weil ich sein will, wo er ist.
Doch in dieser Nacht warte ich, bis er einschläft, bis die Stimmen im Nachbarzimmer aufhören, schlüpfe in meine Gummistiefel und nehme meine Jacke vom Haken im Flur. Ich ziehe die Haustür leise ins Schloss, gehe den Weg die Straße runter, durch die Schrebergartensiedlung, am Fluss vorbei nach Hause.
Mein Vater öffnet mir die Tür. Mensch, Motte, sagt er und drückt mich an sich.
Das Haus fühlt sich anders an, wenn Mama nicht da ist. Im Fernseher läuft Forsthaus Falkenau, er macht mir einen Kakao in der Mikrowelle. Er legt sich auf die eine Seite der Couch und ich auf die andere, wir drücken unsere Fußsohlen aneinander und fahren Fahrrad in der Luft, bis er anfängt zu schnaufen und nicht mehr kann.
Trennt ihr euch jetzt?, frage ich.
Nein, die beruhigt sich schon wieder, sagt er.
Ich geh dann mit dir, sage ich, auch wenn er nicht danach fragt. Ich kümmer mich dann um dich.
Er streckt mir seinen riesigen Fuß ins Gesicht, reibt mir mit der rauen Socke über Stirn und Wangen, bis ich lachen muss.
Dann trinkt er ein Weizenbier und verschwindet. Und noch eins und verschwindet noch ein bisschen mehr. Bis er weg ist.
Als die Sonne aufgeht, schließt Mama die Haustür auf. Sie weckt mich und schickt mich ins Kinderzimmer. Ich lege mich in das Bett meines Bruders und schlafe nochmal ein. Als ich wieder aufwache, hat sie alle Dinge aus der Reisetasche wieder an ihren Platz gelegt. Die Bücher liegen wieder auf dem Schreibtisch, unsere Zahnbürsten stehen wieder im blauen Becher auf dem Waschbeckenrand im Badezimmer.

Umso älter ich werde, so seltener sehe ich meinen ersten Vater. Manchmal starre ich dem zweiten lange in die Augen und frage mich, ob der erste da noch irgendwo ist.