Liebe und sehr verehrte Esther Kinsky, sehr geehrte Damen und Herren,
Rombo lautet der Titel von Esther Kinskys jüngstem und zu Recht allerorts gefeiertem Roman. Rombo, das wissen wir inzwischen aus den einschlägigen Rezensionen und einem Blick ins italienisch-deutsche Wörterbuch, Rombo, das meint das unterschwellige Dröhnen, Grollen, Brummen, Rumoren in tellurischen Tiefen, aber wohl auch in der Atmosphäre, über das sich ein Erdbeben ankündigt. Es ist ein drohendes, ein dräuendes Geräusch, verursacht von gewaltigen tektonischen Verschiebungen, es ist das Grollen einer unheilvollen Natur, die mit ihrer ganzen Macht auf den Plan tritt. So wie im Mai 1976 in der nordostitalienischen Region des Friaul, nicht unweit – so jedenfalls präsentiert sich für mich die Landkarte von Paris aus – von Sonthofen, auf der anderen Seite der Alpen. 989 Menschen fielen ihm zum Opfer, Zehntausende verloren ihre Wohnungen, ganze Ortschaften verschwanden. Ein danteskes Inferno.
Rombo, das ist ein lautmalerisches Wort, ein Onomatopoetikon, das es auf verschlungenen Wegen auch ins Französische gebraucht hat, allerdings nur als Verb: „vrombir“. Es ist gewiss kein Zufall, dass einer der lautesten, manchmal auch schrillsten Lautmaler der französischen Literatur, Louis-Ferdinand Céline, mit einem Beleg für das Wort Eingang gefunden hat ins wissenschaftlich erstellte Lexikon der französischen. Sprache:, Voici le train qui vrombit, c’est un tonnerre, on dirait qu’il arrache tout : Und da steht dröhnend der Zug, ein Donnern, als ob er alles niederreißen wolle (Tod auf Kredit).
Ein lautmalerisches Wort also, ein Wort, mit dem die Sprache, unsere artifizielle Sprache, die Sprache der Natur nachzuahmen sucht.
Es war kein Grollen, kein Dröhnen und Dräuen, das an unsere Ohren drang, als wir, die Jury des erstmals vergebenen Sebaldpreises – Claudia Öhlschläger, Marie Schmidt, Hans-Jürgen Balmes, Kay Wolfinger und ich – vor nunmehr fast zwei Jahren virtuell beieinander saßen (inzwischen hatte uns eine anderes Desaster ereilt, die Corona-Krise samt lockdown), um aus den anonymen Einsendungen, die eine Perle zu fischen. 900 Einsendungen hatte es gegeben, im Finale hatten wir es immer noch mit über vierzig preiswürdigen Texte zu tun. Und doch: Von einem dieser Texte ging auch so etwas wie ein Geräusch aus, nichts Drohendes, Unheilschwangeres, nein. Ein „sound“, dessen Verführungskraft wir bald und gerne wehrlos erlagen. Es waren 25 maschinenschriftliche Seiten aus dem Skript, das zu Rombo werden sollte. „Kalkstein“ war das ganze überschrieben.
Es waren kurze, oft nur wenige Zeilen umfassende Textfragmente, die mal vom Berg Canin handelten, mal Historisches aus dem Friaul aufriefen, dann mit geradezu ethnologischem, scheinbar unbeteiligtem, aber stets präzisem Blick, präziser Sprache lokale Legenden zitierten: Zum Beispiel: „Die Carabon ist eine kluge Schlange. Eine Geschichte handelt davon, wie einmal ein Sperber eine Carabon gegriffen hat. Zwischen den Fängen hielt er sie in der Luft und brachte sie in sein Nest. Doch bevor er sich versah, hatte die junge Schlange die Eier im Nest verschluckt. Ich geb sie wieder her, wenn du mich zurückbringst, sagte die Schlange. Der Sperber versprach es, und sie hat die Eier wieder ausgestoßen. Dann hat der Sperber die Schlange zurückgetragen, und seitdem greifen die Sperber im Resiatal keine Schlangen mehr“.
Andere wiederum sind einfach „Holz“ oder „Milch“ überschrieben. Oder, mit dem Namen eines Flusses, „Resia“. Und dann immer wieder Eigennamen von Menschen, die in kurzen Fragmenten zu Wort kommen und erzählen, wie sich die Erde auftat, die erzählen von dem, was sie in diesem Moment gerade taten, die versuchen, sich zu erinnern. Wie Olga, Anselmo, Gigi, Toni, Mara:
„Was ist die Erinnerung? Sie kommt und geht, wie sie will. Sie verschwindet und drängt sich auf, ohne dass wir etwas daran ändern können. Ich sehe die Mauer, ich erinnere mich an eine Carabon. Ich erinnere mich an eine Carabon, die Erinnerung an das Erdbeben kommt zurück. So ist alles miteinander verbunden und verwoben“, sagt Olga.
Und Toni fragt nach dem, was Wörter überhaupt erinnern können, was sie festhalten können von dem, was war: „Die Wörter sind dann wie aus einer fremden Sprache“.
Lauter Sätze, die man sich als Motto über anderen, über weiteren Büchern denken kann, die man sich für andere Gelegenheiten notieren möchte. Es ist ein eigentümlich changierender Stil zwischen Reportage, zwischen geologischem, historischem oder botanischem Notat, zwischen narrativen Partien und Naturschilderungen. Es ist, in seinem Wechsel, seinem „va et vient“, in seiner permanenten Osmose von Distanz und Nähe, von großer Naturkatastrophe und Einzelschicksalen, von Metapher (der Metapher drohender Vernichtung) und Versuch des rettenden Erinnerns, ein absolut eindrucksvolles, ja , was?, ein eindrucksvolles Mosaik.
Katastrophe und Zerstörung werden nicht in eine organische Erzählung überführt, sie werden nicht in narrativer Ordnung „bewältigt“, sie bestimmen die geheime „Strukur“, die diskrete „Architektur“ des Werkes selbst: es sind Fragmente, Bruchstücke, Schnipsel, Fetzen, aus denen es sich zusammensetzt, ohe ich unbedingt zu fügen. Mich erinnert dieses Verfahren an einen Scherz meines Freundes, des französischen Schriftstellers Marcel Bénabou, der einmal erzählte, dass im hebräischen Urtext des Alten Testaments nicht „bereschit“ gestanden habe, „Im Anfang…“, sondern, anagrammatisch vertauscht, „bescheerit„, „mit den Resten, den Fetzen, dem Abfall….“. Diese Art von Exegese klingt mir seither, was Literatur betrifft und woraus wirkliche Literatur gemacht wird, sehr überzeugend. Einsammeln, aufheben, aufschreiben, bewahren …
Und damit kommen wir nun auch, der Namensgeber des Preises verpflichtet, zu W.G. Sebald. An wen vergibt man einen Sebald-Preis? Doch ganz gewiss nicht an jemanden, der wie Sebald schreibt. Es handelt sich ja schließlich nicht um einen Doppelgänger-Wettbewerb, um den besten Elvis. Es handelt sich auch nicht darum, ein noch so gelungenes Pastiche auszuzeichnen (ein solches würde ich übrigens gerne einmal lesen), sondern es handelt sich darum, einen Text auszuzeichnen und, in unserem Falle, eine Autorin, die dem literarisch dokumentarischen Ethos‘, das Sebalds Werke auszeichnet, nahe steht. In seiner letzten Rede, es war die Rede zur Eröffnung des Stuttgarter Literaturhauses im November 2001, sagte Sebald etwas, das mir auf den Text von Esther Kinsky – und auf die eben zitierten Bemerkungen Olgas und Tonis, zweier Opfer und Zeugen der Katastrophe – eine Art vorweggenommenes Echo zu sein scheint: A quoi bon la littérature?“, fragt Sebald dort, „wozu Literatur?“ Und er antwortet: „Einzig vielleicht dazu, dass wir uns erinnern und dass wir begreifen lernen, dass es sonderbare, von keiner Kausallogik zu ergründende Zusammenhänge gibt (…)“. Diesen Zusammenhängen mögen wir alle in Esther Kinskys großartiger Montage nachspüren.
Liebe und verehrte Esther Kinsky, im Namen der Jury gratuliere ich Ihnen als erster Sebaldpreisträgerin sehr herzlich, noch herzlicher bedanke ich mich für Ihr Buch. Und mein einziges Bedauern, allerdings ein großes Bedauern, ist, dass ich heute nicht in Sonthofen sein kann.
