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Helmut Neundlinger – Laudatio auf Lena Schätte

„Meine Mutter bringt uns Töchtern Dinge bei“, lautet der erste Satz in Lena Schättes nunmehr erschienenem Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“, dessen Anfangspassage die Autorin zum W.G.Sebald-Preis einreichte (unter dem Titel „Schnapstage“). „Andere Dinge, als mit geradem Rücken am Esstisch zu sitzen, als Danke und Bitte zu sagen, andere Dinge als ihrem Sohn. Sie bringt uns bei, dass Schnaps Ärger bedeutet.“

Es mag überraschen, dass ein Text über den Vater bei der Mutter anfängt. Der Auftakt macht bereits anschaulich, dass es sich um eine Rekonstruktion handelt: In äußerst knappen 64 Szenen erzählt die Protagonistin mit dem Kosenamen Motte von einem Vater, dessen Präsenz unberechenbar zwischen An- und Abwesenheit pendelt. Seine Spuren hinterlässt er unter anderem in den Verhaltensadaptionen der weiblichen Familienmitglieder. Der Schnaps markiert in diesem ersten Absatz den Vorboten einer Existenz, die erst in der dritten Szene real in Erscheinung tritt: „… mein Vater liegt vor der Badewanne und schläft“, heißt es im Text. Gefunden wird er dort von einer Schulkameradin der Protagonistin. Sie ist im Zuge einer Übernachtungsparty anlässlich des Geburtstags von Motte zu Gast und muss mitten in der Nacht aufs Klo. Ihr spitzer Schrei über den Fund findet sein Echo in jenem fundamentalen Schamgefühl, das Motte durch ihre gesamte Schulzeit begleiten wird: Tochter eines Alkoholikers, mitgefangen in einem System, das sich, wie es das Intro andeutet, um einen ebenso mächtigen wie ohnmächtigen Elefanten im Raum arrangieren muss. „Und sie bringt uns bei, dass eine Frau immer Fluchtgeld haben muss“, darin gipfelt der erzieherische Appell der Mutter. Wenn nichts mehr geht, gilt es einzig, sich selbst und die Kinder in Sicherheit zu bringen.

Ich möchte den Blick auch auf das richten, was der Text nicht preisgibt: Ort und Zeit der Handlung, Name und Alter der Mutter und der Töchter, im Grunde jegliche Form von Metainformation, die eine quasi-realistische Kulisse bieten würde. Im Unterschied zu einem, um mit Moritz Baßler zu sprechen, „populären Realismus“ ist Schättes Text von einer Erscheinungsform des Realen geprägt, die von der ersten Zeile an allerhöchste Dringlichkeit entfaltet. Das Reale ist auf eine dem sogenannten Realistischen entgegengesetzte Weise präsent: In der Figur der Mutter tritt es auf als Mischung aus erlittener Erfahrung und kämpfender Praxis. Mit anderen Worten: Die Realität der Mutter ist geprägt von den erratischen Verhaltenszügen eines Alkoholiker-Mannes, der in der Folge auch das Leben und die Entwicklung der Protagonistin prägen wird. Jenseits aller konkreten Zeit- und Ortsbestimmungen bildet der Sog des Alkoholismus, der von diesem Mann bzw. Vater ausgeht, das Reale des Textes. Die oft kaum erträgliche Spannung beschreibt die Protagonistin an einer Stelle selbst als das, was man in der Psychologie double bind nennt: Da sei der eine, nüchterne Vater, „(d)er auf alle Fragen eine Antwort weiß und wenn nicht, sich eine gute ausdenkt“. Die Ich-Erzählerin erlebt ihn als liebevollen, ja unbedingt liebenden Menschen. „Und dann gibt es noch den anderen Vater. Der sich darüber legt und ihn verschwinden lässt.“ Der Text bezeugt eine Selbstauslöschung mit dramatischen Folgen für das gesamte System. Es ist nicht der autoritäre, der gewalttätige oder sexuell übergriffige Vater, sondern der Totalausfall, der umso schwerer wiegt, als er in nüchternem Zustand beständig ein Versprechen abgibt, das er letztlich nicht einlösen kann. Insofern wohnt dem realen Vater auch eine Art von unwillkürlichem Self-Ghosting inne: Seine körperliche Anwesenheit verwandelt sich im Trinken in eine zombifizierte Präsenz, nicht mehr adressierbar für die Bedürfnisse und Fragen der Heranwachsenden.

Lena Schättes Text macht trotz des Verzichts auf eine konkrete Lokalisierung an keiner Stelle ein Geheimnis aus sich – warum sollte er auch? Stilistisch hebt er an wie ein Report, eine Bestandsaufnahme, schnörkellos und unumwunden. Das durchgängige Präsens holt alles, wovon erzählt wird, so nah wie möglich heran, nimmt es in den Blick mit einer Schärfe, die die Arbeit der Erinnerung auf eine Weise in Gang setzt, der man sich im Lesen kaum entziehen kann. Was hier berichtet wird, ist nicht abgeschlossen, sondern wird erzählend, berichtend gegenwärtig. Das Präsens folgt dem Gebot der Aktualisierung, im Sinne von Walter Benjamin, indem es die Vergangenheit mit der Jetztzeit kurzschließt. Man könnte von einem fiktiven Präsens sprechen, das darauf abzielt, die erinnerten Sequenzen von jeglichem Zeitkolorit zu befreien, damit ihre Essenz umso eindringlicher erscheinen kann.

Deswegen konstituiert sich der Text auch nicht linear, sondern in Fragmenten aus verschiedenen Zeiten. Szenen aus der Kindheit wechseln ab mit solchen aus der Jugendzeit der Protagonistin, bis hinauf in eine Art von jüngster Vergangenheit, die durchaus von einem gewissen Aufbruchscharakter getragen scheint. Auf eigensinnige Weise verweigert sich der Text jedoch der klassischen Dramaturgie der Rückblende(n). Was berichtet wird, ist einfach da, erscheint in einer zunächst paradox anmutenden Gleichzeitigkeit aller Stufen der Entwicklung im Leben der Protagonistin. Das Leben der Ich-Erzählerin Motte entrollt sich nicht retrospektiv, sondern mosaikförmig. Indem die Erzählung zwischen den Zeitebenen hin und her springt, entsteht eine andere Form von Textkontinuität. Lena Schätte inszeniert auf engstem Raum parallele Entwicklungen, setzt Wiederholungen und Analogien ins Bild, frei von ästhetischen Forcierungen, hauptsächlich durch den Kurzschluss der unterschiedlichen Jetztzeiten, die der Text zum Erfahrungsraum der Protagonistin zusammenfügt. Diese Methode gibt Lena Schätte gleich zu Beginn des Textes vor, wenn sie die Co-Abhängigkeit der Mutter mit derjenigen der Protagonistin Motte in ihrer ersten Beziehung parallelisiert. Die auffälligen Analogien werden von der Selbstanleitung: „Tue alles, um nicht zu werden wie meine Mutter“ konterkariert. Von Anfang an bildet das Zirkuläre, das Unentrinnbare des Milieus die dominierende Atmosphäre, aus der sich in der Folge doch immer wieder maulwurfartige Ausgänge finden.

Den direkten, expliziten Qualitäten des Textes entsprechen wesentlich auch indirekte: Der Text verzichtet auf Selbstmitleid, er weidet sich weder im Schmerz noch suhlt er sich in Beschreibungen jener Abstürze, in denen Alkoholiker-Existenzen auf tragische Weise kulminieren.

Schätte findet eine außergewöhnliche Balance zwischen Unmittelbarkeit und Annäherung: Da ist zum einen das Hineingeworfensein in die jeweiligen Situationen, in eine Familie, ein Milieu, das unausgesprochen um den Alkoholismus der Väter und Großväter kreist. Als Kind, Jugendliche und junge Frau kann sich die Protagonistin diesem Bezugsrahmen nicht entziehen: Sie ist, um einen weiteren Ausdruck aus der Psychologie zu verwenden, in einer Co-Abhängigkeit gefangen, die auf die eigenen Verhaltensweisen und Beziehungen ein- und weiterwirkt. Der Text erzählt ausführlich davon, er stellt auch uns als Lesende mitten hinein, wir werden Teil einer Familienaufstellung und kriegen etwas von der Co-Abhängigkeit als Lebensform mit und ab.

Als literarischer Text leistet Lena Schättes Arbeit aber noch etwas Spezifisches: eine im Duktus des Berichtens bereits ordnende Annäherung. In der umstandslosen Ehrlichkeit des Textes nimmt die Autorin Beziehung auf zu ihrer eigenen Geschichte. Ich kann an dieser Stelle nicht auf die umfangreiche Debatte um Schreibmodelle der sogenannten Autoethnografie eingehen, möchte aber versuchen, einige andeutende Bemerkungen darüber anzubringen, inwiefern dieses Schreibprojekt sich in diesem Spektrum selbst ansiedelt. Der Auffälligkeit, dass Lena Schätte auf eine konkrete Verortung/Verzeitlichung der Geschichte bewusst verzichtet, steht die Deutlichkeit/Konkretheit der Szenen gegenüber, ihr prägnanter, reportierender Stil, der auf jegliche Poetisierung weitgehend verzichtet. Diese stilistische Bezugnahme auf das Reale kulminiert in der Integration des Audit-Fragebogens zur Erstaufnahme „bei Verdacht auf alkoholbezogene Störung“ in den Text. Spätestens hier wird die Konfrontation mit der eigenen Realität im Schreibprozess unausweichlich. Vor allem aber die unhintergehbare Qualität eigener Erfahrungen bildet den Ausgangspunkt für die Art und Weise, wie hier erzählt wird.

Es gibt in der deutschsprachigen Literatur der 1970er-Jahre einige herausragende Beispiele für Ästhetiken einer pointiert berichtenden Knappheit, die unmittelbar nebeneinander gestellt durchaus unterschiedliche tonale Ausprägungen annehmen konnten. Erinnert sei etwa an Ludwig Fels’ frühe radikale Prosa in den Romanen Die Sünden der Armut und Ein Unding der Liebe und an Helga M. Novaks autobiographische Roman-Trilogie Die Eisheiligen, Vogel federlos und Im Schwanenhals. Nicht zu vergessen Hubert Fichtes Projekt einer umfassenden Selbsterzählung in seinem zu Lebzeiten und posthum publizierten Prosawerk: Versuch über die Pubertät sei stellvertretend genannt, weil Fichte darin das Erwachen seiner Bisexualität quasi-ethnographisch mit parallelen Erfahrungsberichten kontrastiert. Das Genre der Autoethnografie hat über den Umweg der französischen Literatur eine Art von Wiederauferstehung erfahren, ausgelöst nicht zuletzt durch das internationale Echo auf Didier Eribons literarische Autoanalyse Retour à Reims, die Romane von Eduard Louis und v. a. die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Annie Ernaux, einer Pionierin der Autoethnografie, im Jahr 2022.

Eine der radikalsten, vergleichsweise wenig rezipierten Stimmen dieses neuen Kanons ist jene eines unter dem Pseudonym D Hunter publizierenden englischen Autors, in dessen Biographie Armut, Gewalt, Drogenabhängigkeit, Gefängnis- und Psychiatrieerfahrung zu einer toxischen Persönlichkeitsentwicklung führen, aus der er sich schließlich schreibend und reflektierend befreit. In seinen durchaus theoriegesättigten Überlegungen zum Schreibprojekt einer Autoethnografie, das unter dem Titel „Auf uns gestellt. Armutsklasse, Trauma und Solidarität“ auch auf Deutsch vorliegt, formuliert er als Ziel, „bei den Leser*innen eine kritische Empathie zu wecken, indem sie sowohl Mitgefühl für die komplexe Menschlichkeit der Beteiligten schaffen als auch den strukturellen Kontext ihrer Lebenswelt darlegen“.

In ihrem Roman gelingt Lena Schätte in jedem Fall beides. Ersteres vollzieht sie, indem sie erzählend von der Tiefe und Solidarität in den familiären Beziehungen berichtet. Hinter dem exzessiven, sich selbst auslöschenden Vater kommt in einzelnen Szenen immer wieder ein Mensch, ein Mann zum Vorschein, der für Motte gerade in seiner unkonventionellen, selbstironischen Männlichkeit zu einem notwendigen Bezugspunkt und Antagonismus zur selbsterschöpfenden Care-Disziplin der Mutter wird. Mit Blicken und Worten verbünden sich die beiden augenblicksweise zu einer unerschütterlich füreinander einstehenden Konstellation. Auch die liebende Solidarität des älteren Bruders stellt für Motte einen Bezugspunkt in schlimmsten Krisenmomenten dar, selbst wenn sie diese aufgrund von Scham- und Schuldgefühlen nicht immer annehmen kann. Wenn ich mir schließlich noch eine Anmerkung dazu erlauben darf, inwiefern der Text von Lena Schätte auch mit dem Schreiben des Namensgebers dieses heute verliehenen Preises kommuniziert, so möchte ich dies an der Anstrengung festmachen, menschliche und gerade dadurch gesellschaftliche Erfahrung ausdrücklich zu machen, im Gespräch zu halten und dadurch dem Verschwinden, dem Verschüttgehen zu entreißen. Schättes Text schließt im Impetus seiner Dringlichkeit vielleicht nicht stilistisch, aber im Sinne eines allgemeinen Auftrags an das Schreiben Sebalds insofern an, als es im Berichten von existenziellen Erfahrungen einem zentralen Moment literarischer Praxis verpflichtet ist.