Von Vögeln mit Menschen. Laudatio für Kirsten Fuchs
Ich habe mich schon lange auf diese Laudatio gefreut, weil ich mir von ihr erhoffe, dass ich an ihrem Ende mehr weiß als an ihrem Anfang –und Sie natürlich vielleicht auch. In den letzten Wochen habe ich mir diese Laudatio als eine Art chemisches Kristallisationsverfahren vorgestellt, in dem der aus einer Lösung auszukristallisierende Stoff zunächst durch Schmelzen, Verdampfen und Abkühlen so übersättigt wird, dass sich die Teilchen dieses Stoffs zu einer regelmäßigen Form verbinden und zum Kristall weiterwachsen, das wir durch Schleudern und Filtern vom Rest trennen können. Am Ende hätten wir – wenn uns dieses Kristallisationsverfahren gelingt – etwas ganz Zauberhaftes in der Hand: eine Schneeflocke etwa, oder einen Bergkristall, oder einen Text wie jenen von Kirsten Fuchs. Sneaker.
Eine Schneeflocke, jenes Gebilde, das bei hoher Luftfeuchtigkeit und Kälte entsteht, kann sich auf unserer Haut anfühlen wie ein sanfter Himmelskuss. Eine Berührung der anderen Art durch etwas, was unglaublich symmetrisch ist, bevor es sich nur einen Augenblick später in einen neuen Aggregatzustand verwandelt – in einen Wassertropfen. Der Bergkristall ist dauerhafter, härter. Ein Ding, kein Sternchen. Der vielflächige und vielschichtige durchsichtige Block aus Silicium-Ionen bricht das Licht an seinen Kanten. Er blitzt und funkelt, ohne nur Oberfläche zu sein. Er lässt uns in sein Inneres sehen, besitzt Tiefe, schließt eine Welt ein. Nicht ganz auszuschließen, dass dieser Bergkristall nicht doch in Wirklichkeit das ist und kann, was er der Legende nach ist und kann: Ein verzauberter Berggeist, der uns beschützt und stärkt, weil er uns erdet und zum Leuchten bringt.
Sneaker, der Text von Kirsten Fuchs, ist wie Schneeflocke und Bergkristall zugleich, auch wenn uns diese Vergleiche wahrscheinlich nicht gerade beim ersten Lesen einfallen, sondern beim zweiten oder dritten, weil ein ganz anderes Laut-, Sprach-, Ideen- und Waren-Bild in diesem Text zunächst stärker ist: „Sneaker, Sneaks, Sneako meinetwegen, aber nicht Sneaky. … Mein Name ist Sneaker. Ich bin sechzehn Jahre alt und befinde mich seit zweiundsechzig Tagen in Quarantäne. Die meiste Zeit kaufe und verkaufe ich Sneaker, was ich auch sonst in meiner Freizeit tue. Ich suche vor allem alte Franklyn aus limitierten Reihen, zum Beispiel aus der Changer-Linie, der Goon-Linie und der Winnas-Linie. Ich kaufe aber auch Torschs und italienische Manufakta. Bei den Manufakta habe ich mich auf die Basketballlinie aus den Jahren 2045 und 2046 spezialisiert.“
Wer sich mit Sneakers nicht näher auskennt (so wie ich, die bis neulich noch einfach Turnschuhe an den Füßen trug), muss hier, wenn er verstehen will, was er liest, im Internet recherchieren. Sneakers der Linie „Changer“ verändern je nach Licht ihre Farben und Muster. Sie sehen im Zimmer anders aus als auf der Straße. In „Winnas“ steckt das englische Wort für Sieger, „Winners“, in „Goon“ einfach nur die Bezeichnung für Dummkopf, Blödmann. Es gibt so viele Sneakers-Namen mehr, eine ganz eigene Turnschuh-Poesie, die hier mit hineinspielt: Black Mimikry, Eclipse Recycled White, One Way Cow, D is not for Doctor White/Black, Meteoro Pink, Club Snake, Holf Zebra, Women’s Daybreak, Runner Pizza Boy, aber auch Cardi B Quartz Glow (Quartzglimmen) und Dogo Snow Dance (Schneetanz).
Das heißt: Gerade wegen dieser Sneaker-Welt und nicht nur trotz ihr ist der Text von Kirsten Fuchs wie Schneeflocke und Bergkristall zugleich. Sie glauben mir das nicht? Zurück zum Kristallisationsverfahren dieser Laudatio. Der auszukristallisierende Stoff ist in diesem Fall natürlich die Literatur, die uns berührt und in uns nicht nur nachhallt, sondern weitergeht und die wir dann ab und zu sogar mit einem Preis auszeichnen, Literatur also, die wir für lesens-, ehrens- und erinnernswert halten. Schöne Literatur. Gute Literatur. Und also mindestens ein so wundersames Gebilde wie Schneeflocken und Bergkristalle zusammen. Eine Sprache, die in uns auf eine Resonanz trifft, Schwingungen auslöst, unseren Atem beeinflusst und unseren Herzschlag in einen anderen Rhythmus bringt. Eine Sprache, die sich leise auf dem Papier ordnen und überblicken, aber auch laut sprechen, flüstern, schreien, singen lässt, weil sie Klang ist, Takt, Bild und Spur und damit immer auch etwas auslöst, was im Text von Kirsten Fuchs als „Gesichtklatschempfindung“ bezeichnet wird. Diese Literatur zeichnet sich durch Wörter aus, die sich in uns einschleichen. Zauberwörter, die wir hin und her wenden und drehen können. Anstoßwörter, die etwas in uns zum Schwingen bringen und Bewegung versetzen. Wörter, die also– wenn es das in echt schon gäbe, was Kisten Fuchs erfunden hat – von einer „Erschütterungsapp“ aufgezeichnet werden würden. In dieser Literatur gibt es Figuren, die uns eine Welt entdecken lassen, die wir so noch nie gesehen, gedacht und gefühlt haben. Figuren, die ein Innen besitzen, Herz, Kopf und Seele. Figuren, die uns zum Sehen, Denken und Begreifen bringen, aber auch zum Weinen und zum Lachen.
Ich könnte es selbstverständlich auch ganz anders sagen, cooler: Gute, schöne Texte sind das, was man im Englischen ‚sneaky‘ nennt. Sie sind schlau, subtil, raffiniert, gewieft, clever, frech und immer auch ein bisschen hinterhältig, heimtückisch und unheimelig, weil sie mehr als nur die eine Geschichte erzählen, die sich in einen eindeutigen Sinn – die berüchtigte kurze Moral von der Geschicht’ – übersetzen lässt. Texte also (weil mir das nur coole nicht liegt), die auf leisen, weil Sohlen daherkommen und uns mit mehr Fragen als Antworten zurücklassen, weil sie mehr sind als nur eins. Texte, die in unser Leben nicht Klarheit bringen, sondern uns offenen Fragen aussetzen. Was zum Beispiel ist der Mensch? Was ist ein Tier? Was macht uns aus? Was treibt uns an? Wie nehmen wir wahr? Wie leben wir gut? Wie leben wir so mit der Natur, dass wir nicht sie zerstören und sie auch nicht uns? Was heißt: Erfahrungen machen, auf Abenteuerreise gehen, Dinge das erste Mal oder wie beim ersten Mal, noch einmal ganz neu und anders erleben? Und: Warum lassen sich diese Erfahrungen gerade nicht berechnen, sondern fallen uns zu – durch Loslassen und also mögliches Fallenleisen, durch Risiko und mögliches Scheitern, durch Umordnen und mögliches Chaos?
Wie aber nun kristallisiere ich für mich heraus, ob ein Text zu dieser Art von Texten gehört oder nicht? Die für den Sebald-Preis 2022 eingereichten 335 Texte waren eine Lösung aus literarischen Teilchen. Inklusive Übersättigung und Schleudergang. Ehrlich gesagt: eine schiere Überforderung. Denn meine Profession, die Literaturwissenschaft, sagt in der Regel nicht die Zukunft voraus, sie beschäftigt sich meist nicht mit Texten, die noch nicht erschienen sind, sondern mit welchen, die schon gedruckt, gelesen, bewertet und interpretiert worden sind. Das macht es leichter. Ich kann mich nämlich ganz prima um die Frage herumdrücken, ob ein Text gut ist oder nicht, und andere Autoritäten zitieren. Bei anonymisiert eingereichten Texten ist das nicht möglich. Kein Klappentext, kein Foto, null Ahnung, ob Autorin oder Autor, bekannt oder nicht bekannt. Man hat jeweils nur den Text und weil es insgesamt doch recht viele Texte sind, die jedes Jurymitglied liest, an die 100, stellt das Menschen wie mich, die mehr alte als neue Texte lesen, gewaltig auf die Probe. Was ist für mich selbst gute Literatur? Reicht es aus, dass ein Text wie Kafka, Stifter oder eben Sebald klingt, dass er gut erzählt ist und spannend oder gut gemacht ist, kunstvoll, mit doppeltem Boden und zahlreichen Bezügen zu anderen literarischen Texten? Selten war ich so wortarm, sprachlos, einfältig und angespannt, so textpappsatt wie beim ersten Reden über diese vielen Texte im Kreis der Jury.
Natürlich kann ich als Literaturwissenschaftlerin solche Zustände der Unsicherheiten und Zweifel mit Hilfe der Literaturgeschichte kurzer Hand zur ästhetischen und entspannenden Übung umdeuten. Das „Ich weiß nicht“ ist seit der europäischen Aufklärung substantieller Teil der ästhetischen Erfahrung. Der englische Romantiker John Keats hat seine Dichtungspraxis aus der Fähigkeit abgeleitet, negative Erfahrungen auszuhalten, sich gerade nicht krampfhaft abzusichern, sondern achtsam und aufgeschlossen auf alles zu reagieren, was geschieht. Ambiguitätstoleranz nennen wir diese „negative capability“ heute. Lange musste ich mir dieses Sprachlossein im letzten Sommer aber gar nicht auf diese Weise schön reden, denn es war es ein bestimmter Text, der von den Mitgliedern der Jury immer wieder vorne platziert worden ist, weil er eben gerade nicht klingt wie Kafka, Stifter oder Sebald, weil er aus einem Leben gefallen scheint, dass es gibt (Sneakers) und zugleich nicht gibt (Sneakers aus dem Jahr 2045/46), weil er etwas ganze Eigenes macht, weil er Themen verhandelt, die aktuell sind (Corona, Quarantäne, Natur und Zerstörung), aber nicht auf aktualisierende, moralische Weise, sondern eben sneaky. Schlau, subtil, raffiniert, gewieft, clever, frech und ein bisschen hinterhältig, heimtückisch und unheimelig.
Liebe Kirsten Fuchs, ganz herzlich Danke für diese Literaturerfahrung. Für eine Sprache mit Herzschlag, Sound und Beat, mit einer Figurenstimme, die ein Innen und ein Außen, also eine ganze Welt entwirft und erkundet, die wir, wenn wir ihren Text lesen, wie zum ersten Mal sehen, denken und fühlen dürfen. Für die großen offenen Fragen. Für Sneaker statt Werther, für Sneakers statt Turnschuh, für Amseln statt Tinnitus. Für Schneeflocken-Bergkristall-Sätze wie diese: „Die Sonnenspiegel drehen und werfen das gelbe Licht in den Hof. Obwohl es echte Sonne ist, sieht es wie ein drübergelegter gelber Effekt aus.“ Oder diese: „So einfach ist es in einem Vogelkopf wahrscheinlich nicht. Es ist komplexer als Ja oder Nein. Vielleicht vielleicht. Oder oder. Aber aber. Und und.“ Und diesen: „Irgendetwas in mir will eine Landschaft.“ Und für die schöne, so heitere wie weitreichende Umkehrung einer Redewendung: Dass nicht nur Menschen einen Vogel haben können, sondern Vögel einen Menschen. „Wenn Vögel eine Sprache hätten und ein Wertesystem und Beleidigungen, dann würden sie vielleicht sagen: Du hast ja einen Mensch. Das ist ganz schön viel hätte.“
